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Montag, 20. November 2017

Zum blauen Einhorn und anderes entrisches


Ins Gleis gefallen. 
So könnte man das letzte Wochenende in Wien im übertragenen Sinn zusammenfassen. Denn die Straßenbahn selbst spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Ungefähr jährlich besuchen wir Freunde in Wien. Fixpunkt dabei ist immer ein „Herrenausflug“. Diesmal machten wir uns auf die Suche nach dem „Blauen Einhorn“, nachdem wir uns nahe des Judenplatzes von den Damen getrennt haben.

Blau ist es nicht mehr, das Einhorn
 Das Haus zum blauen Einhorn ist eine Schlüsselstelle des Romans „Die Dämonen“ (Das Nachtbuch der Anna Kapsreiter) und unweit der Strudelhofstiege zu finden. Das Haus ist zwar längst ein anderes; doch das Einhorn durfte bleiben – sogar mit Hinweis auf die Verbindungen zu Heimito von Doderer. Und auch heute noch wird man in gewisser Weise im Vorbeigehen des Betretens entrischer Gründ gewahr – denn das Lichtental, aus dem weiter östlich die Strudelhofstiege in höhere Lage führt ist tatsächlich auch heute noch – oder wieder etwas abwegig, also entrisch, gelegen. Der Standort des alten Hauses zum blauen Einhorn ist einem seltsam unstädtischem Restgrün gewichen auf dem drei Schwarzföhren stehen, scheinbar gegossen von einer haushohen Gardena-Reklame an der Feuerwand des westlich stehenden Hauses. Die Grünfläche hat durch den Nadelbelag die Anmutung eines kleinen Wäldchens, das allerdings weder dem von Montefal im „Letzten Abenteuer“ noch dem „Grenzwald“ gerecht wird. Am ehesten „spielt der Wald Zimmer“ wie es in einem Bild des Romans „Das Geheimnis des Reichs“ auftauchte. Das neue Haus zum blauen Einhorn weicht dahinter zurück und wirkt schon ähnlich verbraucht als der Altbestand zu Zeiten seines Abbruchs kurz vor dem Tode Doderers. 

Nordwestwärts führt der Weg durch eine etwas gesichtslose Stadtlandschaft, vorbei an einer äußerlich ebensolchen Kirche, in der Schubert getauft wurde, zum UZA, dem Universitätszentrum Althanstraße, das seit der Aussiedlung der Wirtschaftsuni in einen Dornröschenschlaf fiel und wieder etwas entrischer geworden ist. 

Narwalskelett in der UNI Wien - oder doch ein Einhorn?
 Das UZA ist Teil der umfangreichen Bahnhofsüberbauung am Franz Josefsbahnhof. Die Spätzeit des Brutalismus und erste Anklänge der Postmoderne sind in dem Bau zu finden. Der Planer des östlichen Teils war u.a Kurt Hlaweniczka, aber auch Harry Glück. Man könnte die Anlage also durchaus als Werk österreichischer Metabolisten verstehen und die inneren Qualitäten der Anlage, sind so sehr der erste Blick einen Schreck einjagt, evident. Zu lange hatte man den Brutalismus als Feindbild gesehen (nicht zuletzt hat sich auch Doderer indirekt im Repertorium über die damalige Architektur nicht gerade wohlwollend ausgelassen). Wir sind nun jedenfalls durch das UZA flaniert, das eine Passage zwischen Lichtental und Spittelau bildet. Hier im Vorübergehen im UZA 1, das die Biologie beherbergt, nahmen wir das zweite Einhorn „mit“: Ein präpariertes Narwalskelett im Glaskasten. Ob der räumliche Bezug (ca. 400m Luftlinie) absichtlich oder zufällig entstand, konnten wir nicht eruieren. 

Von Spittelau führt der Weg nun mit der Tram hinaus zum Karl-Marx-Hof; weil man nun schon in der Nähe ist. Dieser schnitt sich scharf vom spätnachmittäglichen dunklen Himmel, was seine Röte noch hervorhob – auch wenn sie mittlerweile in Brauntöne ausgeblichen ist. Ich habe die Anlage mittlerweile das dritte Mal besucht. Diesmal stach mir die Skulptur „Befreiung“ über dem nördlichen Bogen ins Auge. Die Erscheinung ein bisschen seltsam – wie aus einem Spartakus-Balett. Der Mann schien etwas geschminkt. Andererseits erinnert mich das Motiv auch an die Person des Leonhard Kakabsa. Über diese Figur in Doderers „Dämonen“ gibt es wohl verschiedenste Deutungen. Literarischer Fakt ist jedenfalls, dass er sich im Roman aus den Fesseln seines Standes befreit; aber dann letztendlich bürgerlich wird. 

Die "Befreiung" - oder doch Leonhard Kakabsa?

 Wendet man sich von diesem Bogen südwärts gelangt man auf eine Treppe zur Hohen Warte hinter der sich die bürgerlichen Villensiedlungen Döblings erstrecken und von der aus der Karl Marx Hof im österreichischen Bürgerkrieg beschossen wurde. Man wandert vorbei am Strandbad Döbling und denkt sich, dass dort im Februar 1934 Artillerie stand. Das alles während man den gediegeneren Bezirken entgegen schreitet, in denen sich ausgerechnet auch Teile des „Fragwürdigen Kapitels“ Doderers „Merowinger“ abspielten, in dem Dr. Döblinger (sic) seinen Plombierungen und Pläuze austeilt. Damit findet dieser geschichtsträchtige Runde ihren vorläufigen Abschluss, wenn man davon absieht, dass wir auf der Rückfahrt und später am Abend auf dem Weg ins Kabarett Niedermair immer jeweils (aus meiner Sicht unbewusst) am Justizpalast vorbei gingen, dem Schlusspunkt der „Dämonen“. 

Am nächsten Morgen hatte uns die westliche Eintrübung mit Regen und Windböen erreicht. Was tun, bei unseren Freunden, hier in Hütteldorf? Schon längst ist doch der Besuch der Fuchs-Villa fällig? Und so kehrten wir zum Einhorn zurück, das am Anfang des Weges stand. Den Ernst Fuchs malte u.a. einen „Einhornzyklus“. Beim Wandeln durch Villa und Park blickt man immer wieder in den „Grenzwald“ des Haltertals. Die Daphne-Motive von Ernst Fuchs erinnern an „Sonatine II“ über "Jutta Bamberger".

Ein Gewebe von Verweisen, Beziehungen, Zitaten, das nicht enden will und das ich nun hier einfach abbreche – mit der Möglichkeit weiterer Fortsetzungen.....

Vielleicht doch auch ein Einhorn: Die "Goldene Nase" von Ernst Fuchs, das rein nasenmäßig dem Selbstprotrait II von MC Escher ähnelt.